Fachartikel für Hundeschulen, Trainer und Hundehalter
Wenn Hunde trotz Training nicht zur Ruhe kommen
In vielen Hundeschulen und Trainingssettings sieht man immer wieder dasselbe Bild: Hunde, die kaum abschalten, schlecht schlafen, schnell hochdrehen, schlecht ansprechbar sind oder trotz Training nur oberflächliche Fortschritte machen.
Manche wirken wie dauerhaft „unter Strom“. Andere sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Reiz: sie knabbern, rammeln, laufen unruhig herum, können kaum liegen bleiben, folgen dem Menschen überall hin.
Viele Halter erleben dann irgendwann Frust, weil sie wirklich etwas tun:
- Hundeschule
- Einzeltraining
- Social Walk
- mehr Beschäftigung
- mehr Regeln
- mehr Konsequenz
Und trotzdem bleibt das Gefühl:
„Dieser Hund kann nicht zur Ruhe kommen.“
Typische Erklärungen sind schnell gefunden:
- „Der ist halt nervös.“
- „Der ist sehr triebig.“
- „Der braucht mehr Auslastung.“
- „Das liegt an der Rasse.“
- „Der ist einfach schwierig.“
Und ja: Genetik, Pubertät, Aufzucht, Erziehung und Umwelt spielen definitiv eine Rolle.
Aber genau hier lohnt sich ein zusätzlicher Blickwinkel:
Was, wenn der Hund körperlich gar nicht in der Lage ist, ruhig zu werden?
Nicht weil er „nicht will“, sondern weil sein Körper dauerhaft beschäftigt ist.
Inhaltsverzeichnis
- Wenn Hunde trotz Training nicht zur Ruhe kommen
- Ernährung: nicht die einzige Ursache – aber ein unterschätzter Hebel
- Der verbreitete Denkfehler im Hundetraining
- Lernen braucht Regulation – nicht nur Motivation
- Der Darm: das oft übersehene Stressorgan
- Trockenfutter: warum der Körper damit oft dauerhaft beschäftigt ist
- Typische Fehlinterpretationen – und was auch dahinterstecken kann
- Warum Leckerlis im Training nicht egal sind
- 4-Wochen-Testphase: erst testen, dann bewerten
- Fazit
- FAQ: die 10 häufigsten Fragen zum Thema
Ernährung: nicht die einzige Ursache – aber ein unterschätzter Hebel
Wichtig vorweg (damit dieser Artikel nicht falsch verstanden wird):
Dieser Artikel sagt nicht: „Trockenfutter macht jeden Hund verhaltensauffällig.“
Es gibt Hunde, die trotz Trockenfutter „funktionieren“. Und es gibt Hunde, die trotz BARF oder hochwertigem Nassfutter abgelenkt, unruhig oder reaktiv sein können.
Denn Verhalten entsteht immer aus mehreren Faktoren:
- Genetik
- Erziehung / Training
- Stress im Alltag
- Schlafqualität
- Pubertät
- Schmerzen / körperliche Probleme
- Umweltreize
- und eben auch: Ernährung und Versorgung
Der Punkt ist nur: Ernährung wird im Training extrem oft ausgeblendet, obwohl sie das Fundament ist.
Hundetrainer sind (logischerweise) meist keine Ernährungsexperten. Halter oft auch nicht.
Und genau deshalb entstehen Situationen wie:
- „Das Futter ist egal, Hauptsache der Hund frisst es.“
- „Nimm einfach Trockenfutter als Leckerli.“
- „Der braucht nur klare Ansagen.“
Das kann funktionieren. Muss es aber nicht.
Und wenn es nicht funktioniert, sollte Ernährung zumindest als möglicher Faktor mit auf den Tisch.
Der verbreitete Denkfehler im Hundetraining
Ein Glaubenssatz hält sich hartnäckig:
„Unruhige Hunde sind unterfordert – sie brauchen mehr Auslastung.“
Das klingt logisch. Ein Hund, der „Mist baut“, wirkt auf den ersten Blick wie ein Hund, der mehr Beschäftigung braucht.
Also passiert häufig:
- längere Spaziergänge
- mehr Spiel
- mehr Training
- mehr Reize
Beispiel (typisch aus der Praxis)
Ein Junghund kommt aus der Hundeschule. Der Halter denkt:
„Nach einer Stunde Training ist der garantiert müde.“
Zuhause passiert das Gegenteil:
- der Hund läuft weiter herum
- findet keinen Schlaf
- knabbert, fordert Aufmerksamkeit
- wirkt noch unruhiger als vorher
Dann kommt der Satz:
„Der braucht wohl einfach noch mehr Auslastung.“
Dabei ist es oft umgekehrt:
Der Hund war nicht unterfordert, sondern überladen.
Lernen braucht Regulation – nicht nur Motivation
Damit ein Hund wirklich lernen kann, braucht er mehr als Leckerli-Motivation.
Er braucht einen Zustand, in dem er:
- Reize filtern kann
- Frust aushalten kann
- Signale abspeichern kann
- nach Erregung wieder runterkommt
Ein Hund, der körperlich dauerhaft unter Spannung steht, wirkt dann oft so:
- „Der hört nur im Training.“
- „Draußen ist alles weg.“
- „Der ist in seiner eigenen Welt.“
Beispiel
Der Hund kann Sitz auf dem Hundeplatz perfekt. Aber sobald draußen ein anderer Hund auftaucht, ist „Gehirn aus“.
Das wirkt wie „Ungehorsam“. Ist aber sehr häufig:
Überforderung durch Reizlage + innerer Stress.
Der Darm: das oft übersehene Stressorgan
Verdauung ist nicht nur „Bauch voll oder nicht“.
Der Darm beeinflusst:
- Ruhe
- Schlaf
- Stresslevel
- Ansprechbarkeit
- Nervensystem
Ein Hund, der im Inneren permanent mit Verdauung beschäftigt ist, lebt oft in einem Zustand von:
- innerer Unruhe
- Spannung
- geringer Schlafqualität
- schlechter Konzentrationsfähigkeit
Das kann sich äußern als:
- schwer abschaltbar
- ständiges Herumlaufen
- „hibbelig“
- rammeln / lecken / knabbern
- dauerhaftes Forderverhalten
Trockenfutter: warum der Körper damit oft dauerhaft beschäftigt ist
Viele Menschen denken:
„Trockenfutter ist praktisch, da ist alles drin.“
Was viele unterschätzen:
1) Trockenfutter ist extrem wasserarm
Der Körper muss Feuchtigkeit irgendwoher holen.
2) Trockenfutter ist oft hoch verarbeitet
Das ist nicht automatisch „giftig“. Aber stark verarbeitet bedeutet: Der Körper muss es anders verarbeiten als frische Nahrung.
3) Trockenfutter ist häufig stärkehaltig
Der Körper arbeitet dann eher im Modus „Stärke verarbeiten“ statt „Fleisch verdauen“.
4) Der Hund ist oft „gefüllt“ – aber nicht wirklich ernährt
Gefüllt ist nicht gleich ernährt.
Ein Hund kann satt wirken, aber trotzdem:
- Nährstoffe nicht optimal verwerten
- keine stabile Versorgung bekommen
- ständig „in Suche“ bleiben
Das ist für den Körper Stress. Und Stress blockiert Lernen.
Typische Fehlinterpretationen – und was auch dahinterstecken kann
Wichtig: Hier geht es nicht um „entweder Training oder Ernährung“. Es geht um beides.
1) „Der Hund steht ständig auf und folgt mir überall hin“
Das kann sein:
- Neugier (Welpe)
- Pubertät (Grenzen testen, Unsicherheit)
- Rasseveranlagung (Hüte-/Treibhunde beobachten mehr)
- fehlendes Ruhetraining
- schlechte Erziehung
Es kann aber auch sein, dass der Hund körperlich nicht abschalten kann, weil Verdauung und Stress permanent laufen.
2) „Der ist triebig – der rammelt alles“
Rammeln kann viele Ursachen haben (bei Rüden und Hündinnen).
Es kann sein:
- Stressabbau
- Überforderung
- Frust
- zu viel Aufregung
- Ventilverhalten
Wenn der Körper ohnehin innerlich unter Spannung steht, wird dieses Ventil schneller genutzt.
3) „Der braucht mehr Auslastung“
Manche Hunde brauchen Beschäftigung, ja.
Aber wenn ein Hund:
- schlecht schläft
- nach Training noch unruhiger ist
- nur durch Erschöpfung „abschaltet“
… dann ist häufig nicht „zu wenig“, sondern zu viel das Problem.
4) „Der ist dominant / respektlos“
Ein Hund, der dauerhaft gestresst ist, wirkt schnell:
- fordernd
- distanzlos
- kontrollierend
- impulsiv
Das kann Erziehung sein. Es kann aber auch eine fehlende körperliche Regulation sein.
Warum Leckerlis im Training nicht egal sind
Viele Hundeschulen sagen:
„Bringen Sie Leckerlis mit.“
Dann kommen oft:
- Trockenfutter
- harte Trainingssnacks
- stark verarbeitete Belohnungen
Beispiel: Welpentraining (1 Stunde)
Im Welpentraining wird häufig belohnt – je nach Trainer und Gruppe:
- eine halbe Handvoll
- bis eine ganze Handvoll
Trockenfutter oder Snacks.
Was dabei passieren kann:
- der Hund wird im Training immer träger
- Konzentration nimmt ab
- der Hund wirkt „matschig“
- danach kommt keine echte Ruhe
Das wird dann als „Erziehung“ gelesen. Dabei ist es oft schlicht: der Körper ist überlastet.
Was besser passt (einfach und alltagstauglich)
Besser sind oft:
- kleine Fleischstückchen
- weiche, feuchte Belohnungen
- leicht verdauliche Snacks
Nicht weil damit jedes Problem gelöst ist. Sondern weil das Training den Körper nicht zusätzlich belastet.
4-Wochen-Testphase: erst testen, dann bewerten
Wenn Training nicht greift, macht es Sinn, sich eine klare Regel zu setzen:
4 Wochen Ernährung verändern und beobachten.
Nicht alles gleichzeitig umwerfen, sondern:
- Futterqualität verbessern
- Wasser/Feuchtigkeit erhöhen
- Trainingsleckerlis anpassen
- Schlaf und Verhalten beobachten
Dann prüfen:
- Schläft der Hund mehr?
- Ist er ansprechbarer?
- Ist er weniger „drüber“?
- Wird Rammeln/Knabbern weniger?
Wenn ja: Ernährung war ein relevanter Faktor.
Wenn nein: Dann liegt der Haupthebel vermutlich eher bei Training, Stressmanagement oder Umfeld.
Fazit
Nicht jeder Hund ist verhaltensauffällig, weil er Trockenfutter bekommt.
Und nicht jeder Hund ist automatisch ruhig, nur weil er Nassfutter oder BARF bekommt.
Auch bei Nassfutter und BARF kann man Fehler machen.
Nicht jedes Nassfutter ist hochwertig, nicht jede BARF-Ration ist ausgewogen.
Auch dort kann es zu Lücken in der Versorgung kommen – und das kann sich ebenfalls auf Wohlbefinden und Verhalten auswirken.
Trotzdem bleibt ein wichtiger Punkt, der im Alltag oft unterschätzt wird:
Hunde und Katzen können lange Zeit auch mit stark verarbeiteter Nahrung kompensieren.
Genau deshalb funktioniert der Markt für hochverarbeitete Futtermittel überhaupt: Viele Tiere „funktionieren“ erst einmal – aber nicht jeder Organismus bleibt damit langfristig stabil, belastbar und wirklich gut reguliert.
Vor allem stark verarbeitete, sehr trockene und häufig stärkehaltige Fütterung kann den Körper dauerhaft beschäftigen und das Nervensystem unnötig unter Spannung halten.
Das muss nicht sofort zu „Krankheit“ führen – kann aber erklären, warum manche Hunde im Alltag überreizt wirken, schlecht schlafen oder im Training nicht zuverlässig abrufbar sind.
Dieser Artikel soll deshalb kein Urteil sein, sondern eine Einladung:
Wenn Training nicht greift, schaut nicht nur auf Rasse, Genetik und Erziehung.
Schaut auch auf den Körper und die Versorgung.
Denn manchmal liegt der Schlüssel nicht im Kommando – sondern im Napf.









FAQ: die 10 häufigsten Fragen zum Thema
Warum kommt mein Hund trotz Training nicht zur Ruhe?
Oft liegt es nicht nur am Training, sondern am gesamten Stresspegel des Hundes.
Zu viele Reize, schlechter Schlaf, dauerhafte Anspannung und eine belastete Verdauung können dazu führen, dass der Hund nicht runterfahren kann.
Viele Trainer empfehlen dann „mehr Auslastung“, aber bei manchen Hunden ist das Gegenteil sinnvoll:
Reize reduzieren, Ruhe aufbauen und die körperliche Basis prüfen.
Kann Futter wirklich Einfluss auf das Verhalten haben?
Ja, Futter kann ein Faktor sein – aber nicht der einzige.
Ernährung kann beeinflussen, wie gut der Hund schläft, wie stabil sein Energielevel ist und wie belastbar sein Nervensystem bleibt.
Das wirkt sich indirekt auf Konzentration und Impulskontrolle aus.
Ist Trockenfutter grundsätzlich schlecht für Hunde?
Nicht jeder Hund reagiert gleich.
Manche Hunde „funktionieren“ lange damit.
Trotzdem ist Trockenfutter häufig sehr trocken, oft stark verarbeitet und bei vielen Hunden ein Belastungsfaktor für Verdauung und Ruhe.
Entscheidend ist weniger das Wort „Trockenfutter“, sondern die Gesamtqualität und wie der Hund darauf reagiert.
Mein Hund rammelt alles – ist das Sexualtrieb?
Nicht unbedingt.
Rammeln kann bei vielen Hunden ein Stress- oder Überforderungsventil sein.
Häufig tritt es bei Aufregung, Besuch, Frust oder zu viel Input auf.
Wenn es sehr häufig wird, lohnt sich ein Blick auf Stressquellen im Alltag und auf die körperliche Belastung.
Mein Welpe schläft kaum – ist das normal?
Ein gesunder Welpe schläft normalerweise sehr viel.
Wenn ein Welpe dauerhaft wach ist, kann das an Reizüberflutung, fehlendem Ruheaufbau, Stress oder auch körperlicher Unruhe liegen.
Bei Welpen lohnt es sich besonders, die Fütterung und die Verdauung im Blick zu behalten, weil der Körper noch sehr empfindlich ist.
Warum wird mein Hund im Training plötzlich unkonzentriert?
Das kann viele Gründe haben: Müdigkeit, Überforderung, zu viele Reize, falsche Trainingsschritte – aber auch die Belohnung selbst. Wenn im Training viele harte Snacks oder Trockenfutter gegeben werden, kann der Hund innerlich schwer werden und schlechter verarbeiten.
Welche Leckerlis sind fürs Hundetraining am besten?
Praktisch sind kleine, weiche, leicht zu kauende Belohnungen, die der Hund schnell schlucken kann.
Viele Halter nehmen Trainingssnacks oder Trockenfutter, aber oft sind feuchte, „echte“ Belohnungen (kleine Fleischstücke) besser verdaulich und belasten den Hund weniger.
Wie viele Leckerlis darf ich im Training geben?
So wenig wie möglich, so viel wie nötig.
Wenn ein Hund pro Stunde eine halbe bis ganze Handvoll Futter zusätzlich bekommt, sollte man das unbedingt in die Tagesmenge einrechnen – und prüfen, ob der Hund danach schlechter zur Ruhe kommt.
Was ist, wenn mein Hund BARF bekommt und trotzdem hibbelig ist?
Dann liegt es vermutlich an anderen Faktoren: Stress, Pubertät, Erziehung, Schlafmanagement oder Umwelt. Auch BARF kann falsch zusammengestellt sein oder zu viel „Action“ im Alltag kann einen Hund nervös halten. Gute Ernährung ist eine Basis – ersetzt aber kein Training.
Wann sollte ich einen Ernährungsberater dazuholen?
Wenn ein Hund dauerhaft unruhig ist, schlecht schläft, Training nicht greift oder Verdauungsthemen dazukommen (z. B. Kotprobleme, häufiges Grasfressen, ständiges Suchen nach Futter),
lohnt es sich, Ernährung als Faktor prüfen zu lassen – idealerweise mit einem klaren 4-Wochen-Test.